Aus der Fokus 2025 – Reihe: DAS KANN MAN(N) GLAUBEN
Wenn das Eine zu Ende geht, beginnt das Andere – gemeint sind die Karnevals- und die Vor-Osterzeit. Das Eine ist fröhliche, bunte und genussvolle Partystimmung, das Andere entbehrendes, stilles und eher gemäßigtes Leben.
Irgendwann zwischen Anfang Februar und Anfang März tauchen in unseren Kalendern Rosenmontag, Fastnacht und Aschermittwoch auf. Hier im Norden der Republik haben diese Tage nur wenig Bedeutung, in anderen Regionen werden sie als die fünfte Jahreszeit ausgiebig gefeiert. Eines ist aber überall gleich: Am Aschermittwoch endet die Karnevals- und beginnt die Vor-Osterzeit.
Angeberwissen gefällig? Ostern bestimmt das Karnevalsende …
Was nicht mehr unbedingt bekannt ist: Die Wochen zwischen Karneval und Ostern sind eine Fastenzeit, eine Zeit des Verzichts. Die etwas mehr als 40 Tage werden ausgehend vom Ostersonntag rückwärts gezählt, was auch die flexible Lage dieses Zeitfensters im Kalender erklärt. Ostern ist immer am Sonntag nach dem ersten Vollmond, der auf den kalendarischen Frühlingsanfang folgt. Und da diese Konstellation von Jahr zu Jahr variiert, liegt auch das Osterwochenende jedes Jahr anders – und folglich auch das Ende vom Karneval und die Vor-Osterzeit.
Die 40 Tage wiederum gehen zurück auf eine 2000 Jahre alte Begebenheit: Nach den Aussagen der Bibel hat Jesus einmal 40 Tage lang in der Wüste gelebt, ohne etwas zu essen. Im Anschluss an diese Zeit wird Jesus vom Teufel vor drei Prüfungen gestellt, mit denen der Teufel erfolglos versuch, ihm seine Gottesstellung zu rauben.
Soweit ein kleiner Ausflug in die kalendarischen und historischen Zusammenhänge dieser Tage und Wochen … die sich unter Umständen als ‚Schlauberger-Wissen‘ in der Frühstückspause verwenden lassen.
Fasten in der vor-osterzeit hab‘ ich schon mal gehört. Aber was genau steckt dahinter?
Ich kenne viele Menschen, die der Vor-Osterzeit keine besondere Bedeutung beimessen. Selbst in der Kirchengemeinde, der ich angehöre, spielt diese Zeit nur bei sehr wenigen eine Rolle. In den großen Kirchen hat sie noch ihren Platz, wenn auch für Menschen, die „mit der Kirche nichts am Hut haben“, nicht direkt wahrnehmbar. Oftmals geht es dabei um symbolische Dinge, beispielsweise um bestimmte Farben, die in Dekorationen und Gegenständen verwendet werden, oder um Abläufe in den Gottesdiensten.
Im Unterschied zu anderen Religionen ist die christliche Fastenzeit, auch Passionszeit genannt, kein Gebot aus der Bibel und auch keine religiöse Handlung, durch die Menschen sich Vorteile erarbeiten wollen oder können. Die Fastenzeit der Christen vor Ostern ist eine freiwillige Entscheidung zum Verzicht. Und das, worauf verzichtet wird, ist vielfältig: Fleisch, Alkohol, Tabak, Schokolade oder Süßigkeiten im Allgemeinen, Fernsehen, …
Ich verzichte in diesem Jahr ganz bewusst auf Wein, Schokolade und andere Süßigkeiten, auf spontanes zielloses Surfen im Internet, auf Nachrichten und häufiges Fernsehen. Die dadurch gewonnene Zeit und gedankliche Freiheit nutze ich zum Lesen eines 1.000-Seiten-Buches, das mich schon lange interessiert hat und von dem ich mir wesentliche Impulse für ein Thema in meinem Leben erhoffe, welches mich gerade beschäftigt. Womit die Frage aufkommt:
Wenn Gewohnheiten zum Hamsterrad werden …
Kennst du das? Es ist Feierabend, hinter dir liegt ein voller Tag. Viele Termine, ein nicht abnehmender Berg an Aufgaben, dazu noch Stress im Team. Und morgen läuft eine wichtige Frist ab … Zuhause angekommen geht der Gang nach dem Wechsel in die Freizeitklamotten wie gewohnt in den Keller, um sich das verdiente Feierabendbierchen zu holen. Dazu gibt’s noch ein paar Knabbereien und dem Abend vor dem Film steht nichts mehr im Wege. So oder so ähnlich jedenfalls?!
Als Menschen lieben wir Gewohnheiten. Sie vereinfachen unser Leben, schaffen klare einfache Abläufe. Aber sie haben auch ihre Negativseite: Gewohnheiten stumpfen uns ab, sie rauben uns Kreativität, sie verhindern bewusstes Handeln. Ich empfinde es als hilfreich, sogar spannend, genau solchen Gewohnheiten auf den Grund zu gehen, sie zu entdecken, mir ihrer bewusst zu werden. Zu spüren, wie es sich anfühlt, wenn diese Gewohnheiten unterbrochen werden. Nicht zwanghaft, sondern einfach, weil ich es selber so möchte, freiwillig.
Dadurch, dass ich auf Medien verzichte, schaffe ich mir schlicht und ergreifend Zeit. Und gedankliche Kapazitäten, mich auf Anderes, nach meiner Einschätzung auch Wesentlicheres zu konzentrieren. Ich merke, dass mich die tägliche Flut an Nachrichten negativ beeinflusst und meine Gedanken belastet. Also übe ich Disziplin und fokussiere mich auf die Dinge und Themen, die mich interessieren, die mir guttun und die mich weiterbringen. In diesem Jahr ist das eben ein dickes Buch.
Letztlich geht es für mich beim Fasten darum, dass ich entschleunige, indem ich einfach leere Zeiten schaffe, die ich nicht mit Medien fülle. Oder dass ich freiwillig verzichte und damit auch mal wieder das Gefühl von „Mangel“ und „unerfüllten Wünschen“ erlebe. Und dass ich bewusst lebe, indem ich aus dem Hamsterrad von Gewohnheiten aussteige und innehalte.
Und wie hängt das mit Ostern zusammen?

Für mich ist Ostern mehr als Osterfeuer, Hasen und Eier im Frühling. Was konkret mir Ostern bedeutet, darauf gehe ich im nächsten Beitrag ausführlich ein. Soviel jedoch schon einmal vorweg: Das Osterfest ist für mich das wichtigste und bedeutendste Fest im jährlichen Kalender. Zum einen bildet es die Basis für meinen Glauben. Zum anderen gibt es mir tiefliegende Antworten auf Fragen zu meiner Identität. Und es eröffnet eine Perspektive, die über mein Leben hinausgeht.
Zugleich ist es aber auch das verwirrendste, das am meisten fordernde, das unerklärlichste Fest. Und da kommt die Fastenzeit ins Spiel: Durch diese Zeit der Entschleunigung, des Verzichts und der Bewusstheit kann ich meine Gedanken vorbereiten, um das Fest in seiner tiefer liegenden Bedeutung auf mich zukommen zu lassen und entsprechend zu feiern.
Vor-Osterzeit: Das kann Man(n) glauben:
Die Vor-Osterzeit ist meine Chance, aus den alltäglichen Hamsterrädern auszusteigen und Gewohnheiten bewusst zu durchbrechen. Die Wochen können mir helfen, mich selbst wahrzunehmen, zu hinterfragen und neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Das schafft Raum für mehr Selbstbewusstsein, persönliches Wachstum und innere Stärke. Ich kann mich fokussieren, indem ich Ablenkungen und Zerstreuung reduziere. Dadurch werde ich mit Sicherheit ausgeglichener, entspannter und gewinne Zeit und gedanklichen Raum, um mich – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – mit der tiefer liegenden Bedeutung von Ostern auseinanderzusetzen.
