Ob die übliche Lebensmitte, wenn die Kinder aus dem Haus gehen oder eine Krise, die Löcher reißt: Manchmal verlangt das Leben nach einem Neuanfang. Risiko eingehen und Chance ergreifen – oder doch lieber im gewohnten Trott bleiben und in scheinbarer Sicherheit wiegen?

Langsam versinkt die Sonne am westlichen Abendhimmel und färbt diesen orangerot. Ich blicke hinaus auf den ruhigen See. Links und rechts von mir erstrecken sich gelbe Schilfgürtel und bilden einen natürlichen Rückzugsraum für seltene Vögel und andere Tiere. Der leichte Wind raschelt in den Blättern des Schilfes. Gegenüber liegt eine kleine Insel mit Steilhängen im See, die als Schutzgebiet für Vögel gilt und nicht betreten werden darf.

Der See hat mehrere hundert Meter Durchmesser, seine Tiefe beträgt bis zu 75 Meter. An den Rändern wechseln sich Röhrichte mit Sandstränden, Campingplätzen und Angelspots ab. Was heute so idyllisch anmutet, war noch vor wenigen Jahrzehnten ein großes, in der Erde klaffendes Loch in Terrassenbauweise. Mittendrin ein riesiger Schaufelradbagger aus Stahl, umgeben von Fördereinrichtungen und zahlreichen Baggern und Kipplastern, die in diesem Krater wie Spielzeugautos wirkten und die geförderte Braunkohle abtransportierten. Zu diesem Zweck wurden einmal ganze Dörfer umgesiedelt.

Dieser See war vorher ein Tagebaukrater - Bild für totale Veränderung durch Neubeginn.

Der Geistesblitz vom Neuanfang

Ich bin zu Besuch in der Lausitz im Osten Deutschlands, eine vom Braunkohletagebau geprägte Landschaft. Es gibt viele solcher Gebiete wie die, wo ich jetzt stehe, deren vorherige Nutzung sich deutlich von der jetzigen unterscheidet. Bei manchen sieht man noch die Spuren des einstigen Abbaus, andere sind wie hier mit Wasser geflutet und werden in ein paar Jahren natürlich aussehende Erholungs- und Naturschutzgebiete sein. Und wieder andere wurden aufgefüllt und in hochmoderne Solar- und Energieparks umgewandelt. Allerorts ist es ein Neuanfang, sowohl für die Natur als auch für die dort lebenden Menschen, für die der Tagebau nicht selten auch Lebensunterhalt bedeutete.

Neuanfang – dieses Wort traf mich hier am See fast wie ein Blitz, ein Geistesblitz. Ich stehe im Leben vor genau dieser Situation. Zwei Jahrzehnte lang war mein Leben geprägt durch die Familie. Mit meiner Frau habe ich zwei Mädchen großgezogen, die jetzt trotz ihres unterschiedlichen Alters gleichzeitig unsere Familie verlassen und in ihr eigenes Leben starten. Während die eine zum Studium hier in die Lausitz zieht und sich um genau diese Verwandlungen ehemaliger Tagebaustätten kümmern wird, geht die andere nach Österreich in die Alpen für ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Zurück bleiben meine Frau und ich in einem dann leeren und viel zu großen Haus. Mit unseren beiden Mädchen gehen aber auch viele Aufgaben und viel Verantwortung, der Kalender wird leerer und das Leben sicherlich ruhiger, zumindest zeitweise.

Krater erzählen die Geschichte vom Verschwinden

Wie ich so am See stehe und mir vorstelle, dass hier einmal ein tiefer Krater war, ertappe ich mich dabei, dass auch ich mich gerade so fühle, als klaffe in meinem Leben ein riesiger Krater. Was habe ich in den letzten zwanzig Jahren nicht alles für die Familie geleistet, investiert und auch aufgegeben! Gleich zu Beginn, als sich unsere erste Tochter ankündigte, war mir klar, dass ein geregelter Job mit viel Verlässlichkeit für die Familie hilfreich wäre. Niemand hat es explizit von mir verlangt, es war vielmehr meine eigene Entscheidung, die meinem Wertebild und meinem Anspruch an mich selbst entsprach.

Es hätte allerdings bestimmt auch seinen Reiz gehabt, mich im Beruf als Ingenieur zu entwickeln und auszuprobieren. Meine Diplomarbeit bekam damals eine Auszeichnung von einer renommierten Ingenieursvereinigung in Deutschland, Preisgeld inklusive. Darauf hätte sich sicher etwas aufbauen lassen. Ich habe es jedoch bis heute nicht wirklich bereut, dass ich meine Priorität auf die Familie gesetzt und gar nicht erst versucht habe, beides – Karriere und Familie – unter einen Hut zu bekommen.

Aber jetzt, wo das Familienleben sich verändert, merke ich, dass es sich anfühlt, als entstehe eine gewisse Leere; ein Tagebau, dessen Nutzung am Ende angekommen ist. Die Anlagen werden zurückgebaut, die Kipplaster und Bagger verlassen den Ort. Zurück bleibt der ausgehöhlte Erdboden, der Krater, der aber eine Chance auf einen Neuanfang bietet.

Krater sind nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas

Wo ein Neubeginn stattfinden darf, liegen Chancen.

Die Lausitz mit ihren Seen und Naturschutzgebieten macht vor, wie es gehen kann: hinschauen, wahrnehmen, nachdenken und gezielt umbauen. Das, was da ist, nutzen. Nicht alte Zeiten herbeiwünschen, nicht die Zeit zurückdrehen, sondern eine neue, eine andere Zukunft gestalten und bauen. Das Leben darf neu werden, mein Leben kann eine andere Richtung einschlagen.

Sicher ist: Mit dem Weggang meiner Töchter – oder was auch immer dein Thema ist – entstehen Freiräume. Und nein, die Zeit zurückzudrehen und nochmal von vorne anzufangen, ist keine Option. Aber ja, die gegebene Situation anzuschauen, Möglichkeiten abzuwägen und das Risiko von etwas Neuem einzugehen, ist nicht nur eine Alternative, sondern eine Notwendigkeit. Zumindest, wenn ich vorankommen und mein Leben aktiv in die Hand nehmen und gestalten und nicht im Selbstmitleid versinken möchte.

Damit meine ich allerdings keinen blinden Aktionismus und auch nicht das Überspringen einer bewussten und angemessenen Zeit des Abschieds oder gar einer Phase der Trauer. Der Umbau vom Tagebau zum neuartigen Nutzgebiet braucht Zeit, Aufwand und Fokus, genau wie der Neuanfang in unserem Leben an bestimmten Stellen. Aber das Ergebnis lohnt die Mühe.

Ich stehe hier an einem See, der vor 20 Jahren nicht existierte, und kann mich an der Vielfalt der Natur und dem Erholungswert erfreuen. Genauso kann ich die Situation, die in meinem Leben entsteht, in etwas ganz Neues verwandeln und das dann genießen. Und du kannst das in deinem Leben auch.

Glück auf!

zurück zum Anfang