… so sagt man(n) jedenfalls. Stimmt irgendwie auch. zumindest körperliche Verletzungen, also die an der oberfläche, heilen mit der Länge der Zeit. Das Leben besteht aber auch aus anderen Verletzungen, solchen, die etwas in uns zerstören. Heilen die auch mit der Länge der Zeit? Nein!

rückblende: der schmerz

Es war schmerzhaft: der Bruch von Vertrauen, das Auseinanderbrechen langjähriger Beziehungen und Freundschaften, der Verlust einer sinnstiftenden Aufgabe. Das alles tat richtig weh! 16 Jahre lang hatte ich, gemeinsam mit meiner Frau, in den Aufbau einer Organisation investiert. Ich hatte oft gekämpft, viel Freizeit und privates Geld investiert, mich aufgerieben. Höhen und Tiefen erlebt. Nur, um plötzlich und unvorhersehbar alles zu verlieren. In Gescheitert: Jetzt schmeißen die mich raus habe ich mich diesem Ereignis ausführlich gewidmet und habe meinen Umgang mit der Situation und die daraus gelernten Lektionen beschrieben.

Warum jetzt also noch einmal ein Artikel? Die Antwort: Weil ich vor kurzem lernen durfte, dass ein wesentlicher Schritt im Heilungsprozess noch fehlte. Ich bin einen wichtigen Weg noch nicht gegangen, bin ihm sogar ausgewichen. Die Folgen in meinem persönlichen Alltag: Ich bleibe hinter dem zurück, wer, was und wie ich sein könnte. Ich lasse Potenzial ungenutzt liegen, bleibe unzufrieden, oder weiche im ungünstigsten Fall auf Ablenkungen und Schein-Lösungen aus.

zeit heilt alle wunden – zumindest die oberflächlichen

Was Zeit heilt alle Wunden bedeuten kann zeigt dieser Baum eindrücklich.

Mehrere Jahre liegt das Ereignis, das bei mir eine Lebenskrise ausgelöst hat, schon zurück. Die Jahre danach waren anstrengend, herausfordernd und zugleich gewinnbringend.

Wie in dem oben erwähnten Blogartikel beschrieben, gab es in der Verarbeitung wichtige Erkenntnisse, die ich lernen und in meinen Alltag integrieren konnte.

Heute ist der Abstand groß genug, sodass es sich nicht mehr bestimmend in meinem Leben auswirkt. Mit Ausnahme zweier sehr enger Freunde ist der Kontakt zu den ausschlaggebenden Menschen von damals nahezu vollständig abgebrochen. Gemeinsam mit meiner Frau und meinen Töchtern können wir uns heute an schöne Erlebnisse zurückerinnern, ohne gleich in eine emotionale Krise zu gelangen. Zeit heilt alle Wunden – jedenfalls die oberflächlichen. Aber auch nur die, wie ich jetzt lernen durfte.

außenleben und innenleben

Ich saß in einem Impulsvortrag eines guten Redners aus der Schweiz während einer Konferenz für Kirchenleitungen. Dabei ging es – im weiteren Sinne – um Heilung von innen heraus. Grob gesehen habe ich als Person zwei Facetten, zwei Bestandteile: mein Außenleben und mein Innenleben. Das ist vermutlich auch für dich erstmal nichts wirklich Neues. Aber im Zusammenhang mit dem Umgang und der Verarbeitung von Krisen durchaus etwas sehr Relevantes.

In unserem Außenleben spielt sich all das ab, was unseren Alltag gemeinhin ausmacht. Was wir tun, wie wir uns geben, das, was andere von uns sehen und erleben. Die meisten unserer Entscheidungen für oder gegen etwas beziehen sich auf eben diesen Bereich. Unser Einsatz von Zeit, Energie und Geld zielen auf Dinge in diesem äußeren Bestandteil unseres Seins.

Mein Innenleben ist das, was zumindest anderen, oft genug aber auch mir selber, verborgen bleibt. Ein anderer Ausdruck dafür ist Seelenleben und meint den Anteil meiner Persönlichkeit, der mich im Kern ausmacht. Mein tiefes Sein, der Bereich, in dem Sehnsüchte, Gefühle, Träume, Hoffnungen und Wünsche ihren Platz haben. Es ist der Anteil, dem wir in aller Regel nur wenig Zeit und Aufmerksamkeit widmen.

zeit heilt alle wunden – der trugschluss

Meine neue Erkenntnis: Um die erlebte Krise vollständig zu verarbeiten, muss Heilung in beiden Bereichen vollumfänglich passieren. Und während im Außenleben der Grundsatz Zeit heilt alle Wunden durchaus zutreffen mag, funktioniert er im Innenleben nicht. Meine Seele heilt nicht mit dem Verstreichend von Zeit. Auch, wenn ich den Eindruck hatte, dass es so sei: Es war und ist ein Trugschluss!

In der akuten Krisenerfahrung habe ich fast automatisch mit Selbstschutz reagiert: „Nie wieder übernehme ich eine Führungsposition.“ „Ab jetzt kümmere ich mich nur noch um mich.“ „Ich habe genug in andere(s) investiert, jetzt lege ich den Fokus auf mich und meine eigenen Interessen.“ „Wenn ich etwas mache, dann nicht mehr in Abhängigkeit oder in Zusammenarbeit mit anderen.“ – Sätze und Reaktionen, die mich erst einmal schützen vor weiteren Enttäuschungen dieser Art und mit denen ich proaktiv versucht habe, mein Innenleben, meine Seele zu schützen.

schutz durch grenzen

Grenzen können schützen - aber auch einengen.

In einer akuten Krisensituation ist das absolut hilfreich, weil ich damit Ordnung ins Gefühlschaos bringe. Ich verschaffe mir fast eine Art Sicherheitszone, über die ich die volle Kontrolle habe und die damit auch eine wichtige Basis für den kommenden Heilungsprozess werden kann. Aber es gab ein Problem: Ich habe es versäumt, diese Sicherheitszone mit abnehmendem Krisenmodus auch wieder aufzulösen. Ich habe die gezogenen Grenzzäune einfach stehen gelassen in dem Glauben und der Annahme, dass genau das ja den Heilungsprozess ausmacht.

Und der Erfolg gab mir recht: In meinem Außenleben konnte ich Ruhe, Entspannung, Kontrolle und Frieden etablieren. Alles lief wieder gut – und „Zeit heilt alle Wunden“ schien bestätigt. Was ich nicht bemerkt habe: Ich habe meine Persönlichkeit, meine Sehnsüchte, Gefühle, Träume, Hoffnungen und Wünsche durch mein „Nie wieder“ und die selbst errichteten Grenzen zugeschüttet und eingesperrt.

Im Alltag, also in meinem Außenleben, äußert sich dies immer wieder durch eine tief sitzende Unzufriedenheit – durch das Gefühl von Leere, von ungestillter Sehnsucht, von Neid auf das Leben und die Erfolge anderer. Ich habe das Gefühl, dass das Leben irgendwie an mir vorbeizieht oder ich eher auf der Ersatzbank „mitspiele“, während andere aktiv zum Sieg beitragen konnten.

Was ich jetzt tue? Mich meiner Seele, meinem inneren Sein, neu widmen. Genau hinschauen, wo ich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet habe. Grenzzäune aus der akuten Krisenzeit abreißen, um Freiheit wieder neu zuzulassen. Meine tief liegenden Sehnsüchte, Träume und Wünsche ausgraben. Überlegen, wer ich vor der Krisenerfahrung war. Was ich gerne gemacht habe, was mich ausgezeichnet hat, was meinem Wesen entsprach. Und was mich begeistert und aktiv am Leben hat mitspielen lassen.

nimm dir zeit!

Ich möchte dir Mut machen, dich von einer erlebten Krisensituation nicht ausbremsen zu lassen, sondern genau hinzuschauen. Eine zerbrochene Ehe oder Beziehung. Der Verlust deines Traumjobs. Eine Krankheit, die dich aus der Bahn geworfen hat. Ein finanzieller Ruin … Es gibt vieles, was uns Männer aus unserem Leben rausreißen oder uns den Boden unter den Füßen wegziehen kann.

Unser äußeres Leben bekommen wir über die Zeit gesehen oft wieder gut unter Kontrolle. Die Gefahr lauert in unserem Innenleben, bei unserer Seele. Denn die lässt sich auf den Zeit-Deal nicht ein.

Unsere Seele, unsere Persönlichkeit, möchte Aufmerksamkeit und entschiedenes bewusstes Auseinandersetzen und Handeln.

Ignorieren wir das, können uns die eingesperrten oder verschütteten Sehnsüchte in schädigende Ersatzlösungen im Außenleben treiben: Alkohol- und Spielsucht, Drogen, Pornografie, Affären und sonstige Ablenkungen aller Art. Dabei merken wir nicht, dass wir andere, geliebte Menschen verletzen oder in eine ähnliche Krise treiben, die wir selber nicht durchleben wollten.

Fazit:
Zeit heilt alle Wunden – im Außenleben eine Annahme, die (oftmals) zutreffen mag. Auf Verletzungen unserer Seele trifft sie jedoch nicht zu, denn unsere Seele ist der wesentliche Teil unseres Lebens, der Kern unseres Seins. Und als dieser verdient sie deine und meine volle Aufmerksamkeit!

Zeit heilt alle Wunden - in der Natur ein gültiges Prinzip.

Wenn du die ganze Story lesen möchtest, lade ich dich ein, auch Gescheitert! Jetzt schmeißen die mich raus zu lesen. Hier geht es zum Beitrag.


zurück zum Anfang